Was ist eigentlich Terminologie?

Andrea Glück · 27. Mai 2019

In der Übersetzungsbranche ist häufig von „der Terminologie“ die Rede. Wer sich nicht eingehender mit Terminologie-Lehre und -Arbeit beschäftigt hat, stellt sich unter „der Terminologie“ vermutlich eine lange Liste mit ausgangs- und zielsprachigen Wörtern und vielleicht noch ein paar weiteren Informationen vor: eine Art Wörterbuch, das dann bei einer Übersetzung verwendet werden kann.

Aber stimmt das eigentlich? Nicht ganz …
In der einschlägigen DIN-Norm (DIN 2342:2011-08) „Begriffe der Terminologie-Lehre“ lautet die Definition für „Terminologie“ wie folgt:

„Gesamtbestand der Begriffe und ihrer Bezeichnungen in einem Fachgebiet.“

Mit den Definitionen ist das allerdings immer so eine Sache. Wir müssen alle Bestandteile der Definition verstehen, um zu wissen, was wirklich gemeint ist. Was ein „Fachgebiet“ ist, können wir uns gut vorstellen.
Was aber sind „Begriffe“ und „Bezeichnungen“?
Die Antwort auf diese Frage führt uns bereits tief in die „Terminologie der Terminologie“ und damit auch zu den theoretischen Grundlagen der Terminologie-Lehre.

Beginnen wir mit dem „Begriff“ als zentralem Element der Terminologie-Lehre.

In der DIN-Norm (DIN 2342:2011-08) wird „Begriff“ wie folgt definiert:

„Denkeinheit, die aus einer Menge von Gegenständen unter Ermittlung der diesen Gegenständen gemeinsamen Eigenschaften mittels Abstraktion gebildet wird.“

Puh … Was soll das denn jetzt wieder heißen?
Versuchen wir, der Sache auf den Grund zu gehen. Wir haben also eine Menge von Gegenständen und sollen feststellen, welche gemeinsamen Eigenschaften diese Gegenstände haben, um zu unserem Begriff als „Denkeinheit“ zu gelangen.

Als „Menge von Gegenständen“ nehmen wir mal alle Tische, die sich in meinem Haushalt befinden. Ich habe einen Esstisch, einen Wohnzimmertisch, einen Schreibtisch und einen Gartentisch.

Was haben alle diese Gegenstände gemeinsam?

Alle meine Tische haben eine ebene Platte, auf der ich Dinge ablegen oder abstellen kann. Alle meine Tische haben eine Konstruktion, die diese Platte erhöht und trägt.

Schon haben wir also die Denkeinheit „Tisch“ gefunden. Wenn wir „Tisch“ sagen, müssen wir uns nicht jedes Mal alle Tische der Welt vorstellen, sondern bedienen uns jener Denkeinheit. Das ist also unser Begriff von einem „Tisch“. Da es sich bei einem „Begriff“ um eine „Denkeinheit“ handelt, kann ein Begriff kein Wort sein.

Praktisch ist auch, dass wir einfach „Tisch“ sagen können und (zumindest von Sprechern unserer Sprache, die wissen, was ein „Tisch“ ist) verstanden werden. Wir müssen nicht jedes Mal sagen: „Weißt Du, dieses Ding mit der Platte, auf der man Sachen ablegen kann und das über eine tragende Konstruktion verfügt.“
(Das wäre übrigens die Taktik, die wir anwenden würden, wenn wir in einer fremden Sprache einen Begriff erklären möchten, für den wir das Wort nicht kennen.)
Dasselbe Prinzip gilt auch für die Fachsprache, wenn die Dinge etwas komplizierter sind.

Was ist nun aber eine Bezeichnung?

Die DIN-Norm (DIN 2342:2011-08) sagt hierzu Folgendes:

„Repräsentation eines Begriffs mit sprachlichen oder anderen Mitteln.“

Aha! Eine Bezeichnung ist also das, womit ein Begriff (eine Denkeinheit) repräsentiert, also zum Zweck der Kommunikation mit anderen wiedergegeben wird.
Eine Repräsentation mit nur sprachlichen Mitteln nennen wir „Benennung“. Eine Benennung kann aus einem einzelnen Wort oder mehreren Wörtern bestehen. In unserem Fall ist die sprachliche Repräsentation (also die Benennung) das Wort „Tisch“.

Weiterhin könnten wir den Begriff „Tisch“ aber auch mit anderen Mitteln wiedergeben. Beispielsweise mit einem Symbol oder einer Artikelnummer. Wo zutreffend, gehören auch Formeln zu den Bezeichnungen.
Klassischerweise wird diese Beziehung zwischen „Gegenstand“, „Begriff“ und „Bezeichnung“ anhand des sogenannten semiotischen Dreiecks nach Ogden und Richards dargestellt, das ich auch hier nicht vorenthalten möchte:

Nun, da wir die Fragen nach dem „Begriff“ und der „Bezeichnung“ geklärt haben, kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück: Was ist eigentlich Terminologie?

Unter „Terminologie“ verstehen wir also alle für einen Fachbereich relevanten Begriffe (Denkeinheiten) und deren Bezeichnungen, seien es nun Benennungen (für Texte), Symbole (beispielsweise für Aufbauanleitungen), Artikelnummern oder Formeln.

Wir sprechen also nicht von einer Liste von Wörtern. Eine Wortliste wäre nur eine Sammlung von sprachlichen Bezeichnungen (Benennungen), bei der die Begriffe, für die diese Benennungen stehen, nicht berücksichtigt werden.
Wir können anhand einer Wortliste gar nicht oder im günstigsten Fall nicht eindeutig erkennen, welche Begriffe sich hinter den Benennungen verbergen.

Bei einer „Terminologie“ werden allerdings die Begriffe gesammelt, sprich, alle Denkeinheiten, die in einem Fachgebiet relevant sind. Da es sich beim „Finden“ des Begriffs oft um einen komplexen und ggf. auch zeitaufwändigen Vorgang handelt, wird der einmal „gefundene“ Begriff mithilfe einer Definition bestimmt und dokumentiert. So kann jeder Benutzer der Terminologie stets nachlesen, worum es sich beim jeweiligen Begriff handelt.
Den Begriffen werden dann alle relevanten Bezeichnungen zugeordnet, die sie repräsentieren können. Diese Bezeichnungen werden schließlich noch eingeteilt – beispielsweise in „erlaubt“ und „nicht erlaubt“.
Die Herangehensweise der Terminologie-Arbeit ist also inhaltlich motiviert und soll Vorgaben machen, welche Bezeichnungen bei Redaktion und Übersetzung verwendet werden dürfen und welche nicht. Wir sprechen dann von „begriffsorientierter“ und „präskriptiver“ Terminologie-Arbeit.

Warum die begriffsorientierte und präskriptive Terminologie-Arbeit das geeignete Mittel für Redaktion und Übersetzung ist und wie sich Wortlisten von Terminologie-Datenbanken genau unterscheiden, schauen wir uns in den nächsten Blogbeiträgen an.

Demnächst zum Thema Terminologie:

  • Was unterscheidet eine Wortliste von einer Terminologie-Datenbank
  • Warum ist die präskriptive und begriffsorientierte Terminologie-Arbeit für Redaktion und Übersetzung das Mittel der Wahl?
  • Theorie und Praxis: Herausforderungen bei der Terminologie-Arbeit unter realen Bedingungen


Andrea Glück

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